Alarm im Frühwarnsystem

Viele BGM- und HR-Abteilungen wissen, dass etwas nicht stimmt, aber sie messen es zu spät. Fehlzeiten, Fluktuation und AU-Quoten liefern erst dann Daten, wenn das Problem längst entstanden ist. Ein funktionierendes Frühwarnsystem dreht diese Logik um: Es macht Belastungen sichtbar, bevor sie zu Ausfällen werden, und gibt Verantwortlichen echte Steuerungsmöglichkeiten. Im Podcast Alarm im Frühwarnsystem hat Christoph von Oldershausen von movement24 gemeinsam mit Simon Brzoska von machtfit genau darüber gesprochen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Spätindikatoren wie Fehlzeiten und Fluktuation zeigen Probleme erst, wenn sie bereits entstanden sind.
  • Die meisten Unternehmen haben die relevanten Daten bereits; es fehlt die zentrale Zusammenführung.
  • Drei Datenströme bilden das Fundament: HR- und AU-Daten, Arbeitszeitdaten sowie Befragungsdaten.
  • Eine Ampellogik mit vorab definierten Schwellenwerten und Zuständigkeiten macht ein Frühwarnsystem handlungsfähig.
  • Weniger ist mehr: Lieber einen Indikator konsequent verstehen und adressieren, als viele Baustellen gleichzeitig zu eröffnen.

Vom Rückspiegel zum Cockpit

Cockpit

Die meisten Unternehmen steuern ihr BGM noch immer rückwärtsgewandt. Einmal im Jahr werden Fehlzeiten zusammengetragen, die Fluktuation ausgewertet und Präsentationen erstellt – all das beschreibt die Vergangenheit, ohne Handlungsspielraum für die Gegenwart zu schaffen. Das Bild, das Christoph von Oldershausen im Podcast nutzt, trifft es gut: Unternehmen sollten nicht mehr im Rückspiegel steuern, sondern sich ein Cockpit bauen.

Das bedeutet: Daten fließen regelmäßig ein, werden eingeordnet und führen zu konkreten Reaktionen. Nicht einmal jährlich, sondern monatlich oder quartalsweise. Frühindikatoren zeigen, wohin sich die Lage entwickelt, bevor Ausfälle oder Kündigungen folgen. Echte Steuerung findet auf dieser Ebene statt.

Welche Datenströme schon vorhanden sind

Datenströme

Ein häufiges Missverständnis: Für ein Frühwarnsystem braucht es neue, aufwendig erhobene Daten. Tatsächlich liegen die meisten Informationen bereits vor. Es geht darum, sie zentral zusammenzuführen. Drei Datenströme stehen dabei im Fokus:

  • HR- und AU-Daten: AU-Quoten, Fluktuation und der Bradford-Faktor lassen sich aus gängigen Zeiterfassungs- und Personalverwaltungssystemen ziehen.
  • Arbeitszeitdaten: Überstunden, Stundenkontostände und Resturlaubstage liefern frühe Hinweise auf strukturelle Überlastung.
  • Befragungsdaten: Puls-Checks und kurze Impulsumfragen geben Einblick in Beanspruchung, Führungsqualität und emotionale Bindung ans Unternehmen.

Für den Einstieg reicht oft eine gut strukturierte Excel-Tabelle. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen.

Ampellogik im Frühwarnsystem

Daten zu sammeln reicht nicht, sie müssen eingeordnet werden. Eine bewährte Ampellogik schafft genau das: Grün bedeutet, alles liegt im Normbereich. Gelb steht für erhöhte Aufmerksamkeit und weitere Beobachtung. Rot bedeutet akuten Handlungsbedarf, der nicht aufgeschoben werden kann.

Entscheidend ist, diese Logik im Vorfeld zu operationalisieren. Wer entscheidet bei Rot? Welche Schritte folgen automatisch? Wer informiert wen? Wer darauf wartet, diese Fragen im Ernstfall zu klären, verliert wertvolle Zeit – besonders, wenn bereits belastete Abteilungen betroffen sind.

Die 4 Startfragen für ein funktionierendes Frühwarnsystem

  1. Welche Datenquellen haben wir bereits im Unternehmen?
  2. Wer ist formal beauftragt, das System zu pflegen bzw. Entscheidungen zu treffen?
  3. Welche Gremien sind in welchem Rhythmus involviert – monatlich, quartalsweise, jährlich?
  4. Wie erhalten Mitarbeitende und Führungskräfte Rückkopplung zu den Ergebnissen?

Drei Frühindikatoren im Deep Dive

Deep Dive

Überstunden und Arbeitszeitdaten

Einzelne Überstunden sind kein Problem. Problematisch wird es, wenn sie systematisch anfallen und kein Ausgleich stattfindet. Steigen Überstunden über längere Zeit, korreliert das häufig mit emotionaler Erschöpfung. Auf Teamebene können Führungskräfte Ursachen meist gut einordnen. Die BGM-Abteilung schaut auf die Metaebene: Betrifft die Überlastung eine kritische Zahl von Teams? Verfallen Urlaubstage regelmäßig? Das sind strukturelle Signale, die Handlungsbedarf auf Organisationsebene anzeigen.

Psychische Beanspruchung via Pulscheck

Psychische Belastung ist von außen kaum sichtbar. Anwesenheit bedeutet nicht automatisch Arbeitsfähigkeit. Regelmäßige Puls-Checks mit wenigen Items schaffen eine Datengrundlage, die ohne GB-Psych-Aufwand auskommt. Wichtig: Die erhobenen Daten müssen auch verwendet werden. Führungskräfte, die Ergebnisse kennen und darauf reagieren können, werden zu einem zentralen Sensor im System. Daher ist es umso wichtiger, Führungskräfte in diesem Prozess frühzeitig aufzuklären und durch Schulungen, Coachings und begleitende Befragungsformate zu unterstützen.

Nutzungsdaten von Gesundheitsangeboten

Welche Angebote werden genutzt und von wem? Verschieben sich Nachfragemuster in Richtung Mental Health? Nehmen Außendienstmitarbeitende kaum teil? Diese Fragen liefern frühe Hinweise auf Bedarf und Barrieren. So entstehen wichtige Erkenntnisse für die Steuerung & Kommunikation der Angebote.

FAQ

Spätindikatoren wie Fehlzeiten oder Fluktuation zeigen Probleme im Rückblick. Frühindikatoren wie Überstunden, Pulscheck-Werte oder Angebotsnutzung machen Entwicklungen sichtbar, bevor ungewünschte Effekte entstehen.

Zu Beginn gilt: weniger ist mehr. Ein oder zwei konsequent verfolgte Indikatoren bringen mehr als viele parallel gestartete Baustellen. Das System lässt sich schrittweise ausbauen.

Idealerweise monatlich oder quartalsweise, abhängig von verfügbaren Ressourcen. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Frequenz allein.

Nein. In vielen Fällen reicht eine gut strukturierte Excel-Tabelle als Einstieg. Wichtiger als das Tool ist die konsequente Nutzung und Einordnung der Daten.

Genau dafür braucht es vorab definierte Eskalationswege und Zuständigkeiten. Wer erst bei Rot beginnt, diese Fragen zu klären, verliert Zeit und Wirksamkeit.

Fazit: Ihre nächsten Schritte

  • Prüfen Sie, welche Datenströme in Ihrem Unternehmen bereits vorhanden sind.
  • Bestimmen Sie eine verantwortliche Person für die regelmäßige Auswertung und Einordnung.
  • Starten Sie mit einem Indikator – konsequent, mit definierter Ampellogik und klaren Zuständigkeiten.
  • Sorgen Sie für Rückkopplung: Mitarbeitende und Führungskräfte müssen erleben, dass mit den Daten etwas passiert.
  • Verknüpfen Sie Ihre Angebote mit gemessenen Belastungen bzw. Bedürfnissen, damit Maßnahmen dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
 

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